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Über Atman
Wir können also die alten Schriften mit der modernen Wissenschaft in Übereinstimmung
bringen. Jene Kraft, die sich, allmählich aber verschiedene Stufen ansteigend, offenbart,
bis sie zum vollkommenen Menschen wird, kann nicht aus dem Nichts kommen. Irgendwo muß sie
existiert haben, und wenn das Weichtier oder die Keimzelle der erste Punkt ist, zu dem man
sie zurückverfolgen kann, dann muß die Keimzelle diese Kraft irgendwie enthalten haben. Es
ist ein Streitpunkt, ob die stoffliche Zusammenballung, Körper genannt, die Ursache ist
für die Offenbarung der Kräfte, die wir Seele oder Gedanke nennen, oder ob es der Gedanke
ist, der sich als Körper kundgibt. Die Religionen behaupten natürlich, der Körper sei eine
Manifestation der Kraft, die wir Gedanken nennen und nicht umgekehrt. Moderne Lehren
sagen, was wir mit Gedanken bezeichnen, entstehe einfach, wenn sich die Teile der
Maschine, Körper genannt, einordnen.
Wenn wir den Standpunkt einnehmen, die Seele oder die Gedankenmasse oder wie immer wir es
nennen mögen, sei nichts anderes als das Erzeugnis einer Maschine, das Erzeugnis von
chemischen und physischen Kombinationen von Materie, die Körper und Hirn bilden, dann
bleibt noch immer die Frage offen: Was erschafft den Körper? Welche Kraft bindet die
Moleküle zur Körperform? Welche Kraft ist es, die der Stoffmasse rings um uns Material
entnimmt und daraus den einen Körper so und einen anderen Körper anders gestaltet? Woher
kommen alle diese Unterschiede? Zu behaupten, die Kraft, Seele genannt, sei das Ergebnis
von Molekülkombinationen des Körpers, heißt den Wagen vor das Pferd spannen. Auf welche
Art und durch welche Kraft kamen diese Kombinationen zustande? Wenn wir sagen, sie seien
von irgend einer anderen Kraft verursacht worden und die Seele war ihr Ergebnis, so ist
das keine Antwort. Jene Theorie muß angewandt werden, die den größten Teil der Tatsachen,
wenn nicht alle, erklärt, ohne anderen bestehenden Theorien züi widersprechen. Es ist
logischer, zu behanpten, die Kraft, die Material aufnimmt und daraus den Körper formt, sei
dieselbe, die sich durch den Körper kundgibt. Es ist deshalb sinnlos zu sagen, die durch
den Körper zum Ausdruck kommenden Gedankenkräfte seien das Ergebnis einer Anordnung von
Molekülen und hätten keine selbständige Existenz. Ebensowenig kann sich Kraft aus Materie
entwickeln. Eher könnte man anschaulich machen, wie das, was wir Materie nennen, überhaupt
nicht existiert, sondern nur in einem bestimmten Zustande befindliche Kraft ist.
Nachweislich ist Festigkeit, Härte oder irgend ein anderer Zustand der Materie nur das
Ergebnis von Bewe-gung. In starke Wirbelbewegung versetzte Flüssigkeiten erhalten die
Wucht von Festkörpern. Eine Luftmasse in Wirbelbewegung, zum Beispiel ein Tornado, gewinnt
eine Festigkeit, die solide Körper durchbricht oder durchschneidet. Könnte der Faden eines
Spinngewebes mit beinahe unbegrenzter Geschwindigkeit bewegt werden, so besäße er die
Kraft einer Eisenkette und könnte einen Baum durchschneiden. Von dieser Seite betrachtet,
wäre es leichter zu beweisen, daß sogenannte Materie überhaupt nicht existiert, während
die Annahme, die Seelen- oder Gedankenkraft sei das Ergebnis von Materie, unbeweisbar ist.

Welche Kraft ist es, die durch den Körper in Erscheinung tritt? Welcher Art diese Kraft
auch immer sein mag, offensichtlich sammelt sie gleichsam Teilchen und bildet Formen
daraus, zum Beispiel den menschlichen Körper. Keine von außen kommende Macht baut Körper
für uns; keiner kann Nahrung für den anderen zu sich nehmen, jeder muß sie sich selbst
einverleiben, urn Blut und Knochen und alles andere aus dieser Nahrung zu bilden. Welche
geheimnisvolle Kraft ist es, die in diesem Augenblick in uns arbeitet?
Wie die alten Schriften uns beweisen, glaubte man in früheren Zeiten, diese Kraft werde
durch eine feine Substanz offenbart, welche die gleiche Form besitzt wie unser Körper,
jedoch dessen Zerfall überdauert. Später aber taucht die höhere Idee auf, dieser feine
Körper könne nicht jene Kraftquelle sein, da alles, was Form besitzt, das Ergebnis einer
Zusammensetzung aus Teilen sein müsse, und als solche von etwas abhänge, was nicht
zusaramengesetzt ist. Wenn ein feiner Leib notwendig ist, um den physischen Leib zu
beeinflussen, so muß notwendigerweise auch der feine Leib von etwas beinflußt werden. Und
dieses Etwas nannte man die Seele, Atman in Sanskrit. Es ist also Atman, der mittels des
feinen Leibes auf den groben, äußeren Leib einwirkt. Der feine Körper ist gleichsam der
Träger des geistigen Organismus, dem Gemüt, Verstand, Sinne, Wille und anderes mehr
angehören, doch Atman ist jenseits davon. Atman ist nicht identisch mit Sinnen, Gemüt oder
Verstand, sondern er wirkt auf diese ein und durch sie auf den Körper. Jeder von uns hat
einen besonderen Atman und einen besonderen feinen Leib, und von diesen beiden wird der
physische Körper beeinflußt.
Verschiedene Fragen erheben sich über das Wesen dieses Atman: Was ist dieser Atman, der
weder mit dem Körper, noch mit dem Gemüt, den Sinnen, dem Intellekt, den Gefühlen oder
Gedanken identisch ist? Philosophische Spekulationen mannigfaltiger Art und zahllose
Diskussionen über dieses Thema sind entstanden. Wir wollen hier den Versuch machen, einige
der Schlußfolgerungen, bei denen man anlangte, aufzuzeigen. Die verschiedenen Philosophien
scheinen darin übereinzustimmen: dieser Atman hat, was immer er auch sein mag, weder
Gestalt noch Form; etwas Gestaltloses und Formloses aber muß allgegenwärtig sein. Zeit und
Raum sind nur Formen der dem Menschen angeborenen Anschauungsweise. Ohne Zeit kann es
keine Kausalität geben, denn ohne die Vorstellung zeitlicher Aufeinanderfolge kann es
keine Vorstellung einer Ursache geben. Zeit, Raum und Kausalität entstehen erst durch die
dem Menschen angeborene Art der Anschauung; der Atman jedoch ist jenseits des menschlichen
Sinnes und formlos, und muß daher jenseits von Zeit, Raum und Kausalität sein. Wenn er
aber jenseits von Zeit, Raum und Kausalität ist, muß er unendlich sein.
Nun kommt die höchste Spekulation unserer Philosophie. Das Unendliche kann nicht in zwei
Teile geteilt werden. Wenn die Seele unendlich ist, kann es nur eine Seele geben, und alle
Vorstellungen von verschiedenen Seelen - er hat eine Seele, ich habe eine Seele und so
fort - sind unhaltbar. Der wahre Mensch ist deshalb einzig und unendlich, der
allgegenwärtige Geist, und der sichtbare Mensch ist nur eine Begrenzung jenes wahren
Menschen. In diesem Sinne sind die Mythologien wahr, wenn sie sagen, daß der sichtbare
Mensch, wie überragend er auch immer sein mag, nur ein schwacher Widerschein des wahren
Menschen ist. Der wahre Mensch, der Geist, der jenseits von Ursache und Wirkung,
ungebunden von Zeit und Raum ist, muß daher frei sein. Er war niemals gebunden und konnte
niemals gebunden sein. Der sichtbare Mensch, sein Spiegelbild, ist beschränkt von Zeit,
Raum und Kausalität und deshalb gebunden. Oder, wie es einige unserer Philosophen
ausdrücken, er scheint gebunden, ist es aber in Wirklichkeit nicht. Jene Allgegenwart,
jener geistige Wesenskern, jene Unendlichkeit, das ist die Wirklichkeit in unseren Seelen.
Jede Seele ist unendlich, geburtlos und todlos.
Bei einer Prüfung wurden einigen Kindern schwierige Fragen vorgelegt, unter anderem die,
warum die Erde nicht fällt. Der Lehrer wollte Antworten über die Schwerkraft hören. Ein
kleines aufgewecktes Mädchen antwortete mit der Gegenfrage: „Wohin sollte sie fallen?“ Die
Frage des Lehrers ist unsinnig. Wohin sollte die Erde fallen? Für sie gibt es weder Fallen
noch Steigen; im unendlichen Raume gibt es weder unten noch oben; dieser Begriff ist
relativ. Woher sollte das Unendliche kommen, wohin sollte es gehen?
Erst wenn wir aufhören, an die Vergangenheit oder an die Zukunft zu denken, wenn wir die
Körperidee aufgeben - denn der Körper kommt und geht und ist begrenzt -, erst dann können
wir uns zu einem höheren Ideal erheben. Der Körper ist nicht der wirkliche Mensch, auch
nicht Verstand, Gemüt oder Sinne, sie alle wachsen und verfallen. Der Geist allein lebt
ewig. Körper und Sinne, Verstand und Gemüt verändern sich fortwährend und sind tatsächlich
nur Namen für Reihen von wechselnden Erscheinungen, Flüssen zu vergleichen, deren Wasser
beständig wechselt und die trotzdem eine einheitliche Wassermasse zu sein scheinen. Jedes
Teilchen unseres Körpers ist in ständiger Veränderung begriffen; niemand hat den gleichen
Körper auch nur für wenige Minuten, und trotzdem betrachten wir ihn als denselben Körper. |
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Das gleiche gilt für den Sinn, der in einem Augenblick froh, im anderen betrübt, manchmal
stark und manchmal schwach ist, ein immer wechselnder Wirbel. Das alles kann nicht der
Geist sein, der unendlich ist. Nur das Begrenzte kann sich verändern: es ist Unsinn zu
meinen, das Unendliche könne sich auch nur im geringsten verändern. Wir, als begrenzte
Körper, können uns bewegen, jeder Teil im Weltall ist in ständigem Wechsel begriffen, aber
das Universum als eine Einheit, als ein Ganzes betrachtet, kann sich weder bewegen noch
verändern. Bewegung ist immer relativ. Etwas bewegt sich im Verhältnis zu etwas anderem,
ein Teil im Universum kann sich verändern in Beziehung zu einem anderen Teil, aber mit
Bezug worauf sollte sich das Universum, als Ganzes betrachtet, bewegen? Außer ihm ist ja
nichts, und deshalb ist diese unendliche Einheit unveränderlich, unbeweglich, unbedingt
und dies ist der wirkliche Mensch. Unsere Wirklichkeit besteht deshalb im Allumfassenden
und nicht im Begrenzten.
Es ist ein alter, wenn auch bequemer Aberglaube, zu denken, wir seien kleine, beschränkte
Wesen, die sich ständig verändern, und die Menschen bekommen Angst, wenn man ihnen sagt,
sie seien ein allumfassendes, allgegenwärtiges Wesen. Durch alles wirken wir, durch jeden
Fuß, der schreitet, durch jeden Mund, der spricht, durch jedes Herz, das fühlt.
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