Eine umfassende Abhandlung über Mantras
von Swami Shivananda
BIJA AKSHARA
Ein Bija-Akshara, eine Samen-Silbe, ist ein sehr machtvolles Mantra. Jede Gottheit hat ihr
eigenes Bija-Mantra. Das größte aller Bija-Mantras ist OM, denn es ist das Symbol des
Höchsten Absoluten (Para-Brahman) oder des Höchsten Selbst (Para-Atman). OM enthält in
sich alle anderen Bija-Mantras. OM ist der umfassende Urklang, der gemeinsame Same, aus
dem alle anderen Laute und nachrangigen Samen hervorgehen. Die Buchstaben des Alphabets
sind nur Ableitungen von OM, der Wurzel aller Laute und Buchstaben. Es gibt kein größeres
Mantra als OM. OM, wie es gewöhnlich ausgesprochen wird, ist eine äußere grobe Form des
echten, feinen, unhörbaren Klangzustandes, der Amatra, der unmessbare vierte
transzendentale Zustand, genannt wird. So wie die verschiedenen Gottheiten Aspekte oder
Formen des Einen Höchsten Wesens sind, sind auch die Bija-Mantras verschiedene Aspekte
oder Formen des Höchsten Bijas OM. Nicht einmal die Buchstaben "A", "U" und "M" geben den
transzendentalen ursprünglichen Klangzustand wieder. Sogar dieser dreibuchstabige Laut ist
nur ein Ausdruck, eine Manifestation des höchsten Klangs (Dhvani). Nur Yogis können den
transzendentalen Klang von OM wahrnehmen und auch nicht mit dem gewöhnlichen Ohr. Bei der
richtigen Aussprache von OM kommt der Klang mit einer tiefen harmonischen Schwingung aus
dem Bauchnabel und setzt sich schrittweise nach oben fort bis zum oberen Teil der
Nasenflügel, wo das Anushwara (Chandrabindu) artikuliert wird.
Ein Bija-Mantra besteht im allgemeinen aus einer einzigen, manchmal auch aus mehreren
Silben. Das Bija-Mantra "Kam" hat beispielsweise nur einen Buchstaben und das Anushwara (Chandrabindu),
mit dem alle Bija-Mantras enden. Im Chandrabindu gehen Nada (Klang) und Bindu (Punkt;
Essenz; Same) ineinander über. Manche Bija-Mantras bestehen aus zusammengesetzten
Buchstaben, wie zum Beispiel "Hrim". Bija-Mantras haben oft keinerlei erkennbare, sondern
nur eine signifikante innere, feine, mystische Bedeutung. Die Form des Bija-Mantras ist
die Form seiner Gottheit.
Die Bijas der fünf Mahabhutas (Hauptelemente), das heißt also der Gottheiten oder
führenden Intelligenz der Elemente Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde sind Ham, Yam, Ram,
Vam und Lam. Im folgenden sind die Bedeutungen einiger Bija-Mantras als Beispiele
aufgeführt.
OM
OM besteht aus drei Buchstaben: "A", "U" und "M". Es bezeichnet die
drei Zeitzustände, die drei Bewusstseinszustände und die gesamte Existenz. "A" ist der
Wachzustand (Virat und Visva), "U" der Traumzustand (Hiranyagarbha, Kosmischer Geist
und Taijasa), "M" der Zustand des Tiefschlafs (Ishwara und Prajna, Gott und Schöpfer).
Um die Bedeutung von OM in allen Einzelheiten zu verstehen, sollte man die
Mandukyo-Upanishad studieren.
HAUM
In diesem Mantra ist Ha Shiva und Au Sadashiva. Klang (Nada) und Bindu
bezeichnen das, was Leid zerstreut. Mit diesem Mantra wird Shiva verehrt.
DUM
Hier bedeutet Da Durga und U bedeutet schützen. Nada ist die Mutter
des Universums und Bindu bezeichnet Handlung (Verehrung oder Gebet). Dies ist das
Mantra Durgas.
KRIM
Mit diesem Mantra sollte Kali verehrt werden. Ka bedeutet Kali, Ra
Brahman und I Mahamaya. Klang (Nada) ist die Mutter des Universums. Das Bindu ist der
Zerstörer von Sorge und Leid
HRIM
Das ist das Mantra der Mahamaya oder Bhuvaneswari. Ha bedeutet Shiva,
Ra ist Prakriti, I Mahamaya. Nada ist die Mutter des Universums und Bindu ist der
Vernichter des Leides.
SHRIM
Das ist das Mantra von Lakshmi. Sa steht für Mahalakshmi, Ra für
Reichtum, I bedeutet Befriedigung und Zufriedenheit. Nada ist der manifestierte
Brahman und Bindu ist der Vernichter des Leids.
AIM
Das ist das Bija-Mantra von Sarasvati. Ai steht für Sarasvati und
Bindu ist der Vernichter des Leides.
KLIM
Das ist das Kama-Bija. Ka bedeutet Kamadeva, der Herr des Wunsches; es
steht auch für Krishna. La steht für Indra, I bedeutet Zufriedenheit und Befriedigung.
Nada und Bindu bedeuten das, was Glück und Leid bringt.
HUM
In diesem Mantra ist Ha Shiva und U ist Bhairava. Nada ist das Höchste
und Bindu der Zerstörer des Leids. Es ist das dreifache Bija von Varma.
GAM
Das ist das Ganesha-Bija. Ga bedeutet Ganesha, Bindu ist der
Vernichter des Leides.
GLAUM
Das ist ebenfalls ein Ganesha-Mantra. Ga bedeutet Ganesha, La das
Durchdringende, Au bedeutet Glanz oder Brillanz. Bindu ist der Vernichter des Leides.
KSHRAUM
Das ist das Bija von Narasimha (Mensch-Löwe; Inkarnation Vishnus).
Ksha ist Narasimha, Ra Brahma, Au bedeutet mit aufwärts zeigenden Zähnen und Bindu ist
der Zerstörer des Leides.
Es gibt noch viele andere Bija-Mantras für verschiedene Gottheiten. "Vyaam" ist das Bija
des Vyasa-Mantras, "Brim" des Brihaspati-Mantras und "Raam" des Rama-Mantras.
SRI VIDYA
hring ka ae ee
la hring ha sa ka ha la
hring sa ka la hring
Sri-Vidya ist das große Mantra von Tripurasundari, auch Bhuvaneswari oder Mahamaya
genannt. Es besteht aus 15 Silben und heißt daher auch Panchadasi oder Panchadasakshari.
In seiner entwickelten Form besteht es aus 16 Buchstaben heißt dann Shodasi oder
Shodasakshari. Der Aspirant muss in dieses Mantra von einem Guru eingeweiht werden und
sollte es nicht von allein lesen oder wiederholen. Es ist ein sehr machtvolles Mantra und
kann dem Schüler sogar schaden, wenn es nicht richtig wiederholt wird. Deshalb muss man es
direkt von einem Guru bekommen, der die Kraft dieses Mantras selbst erlangt hat.
Es gilt die Regel, dass das Sri-Vidya-Mantra erst dann wiederholt werden darf, wenn man mit
Hilfe anderer Mantras verschiedene Stadien der Selbstreinigung durchschritten hat. Am
Anfang sollte ein Purascharana mit dem Gayatri-Mantra ausgeführt werden, gefolgt von
Purascharanas mit dem Maha-Mrityunjaya-Mantra und dem Durga-Mantra. Erst danach geht man
zum 15- und 16silbigen Sri-Vidya über.
Die Bija-Mantras und das Sri-Vidya sollten nicht wiederholt werden, wenn man nicht
vertraut mit ihnen ist. Nur wer sehr gute Sanskrit-Kenntnisse besitzt und direkt von einem
Guru, der über die Mantra- Kraft verfügt, eingeweiht wurde, kann Japa mit den Bija-Mantras
und dem Sri-Vidya-Mantra ausüben. Andere sollten nur ihre eigenen Ishta-Mantras
wiederholen, die leicht auszusprechen und zu behalten sind